Regina Lange

Begleittext zum Katalog „Unter der Oberfläche des Jetzt“ Goethe-Institut, Colombo, Sri Lanka
anlässlich der Ausstellung „Unter der Oberfläche des Jetzt“ 09.09.1996 – 15.09.1996
im Goethe-Institut, Colombo, Sri Lanka

Unter der Oberfläche des Jetzt

Die Bilder von Martina Kissenbeck entstehen ohne vorherige Skizzen,
meist auf mittelgroßen Stücken grobmaschiger Bühnenleinwand. Ebenso direkt
ergeben sich ihre Arbeiten auf Papier im Prozess der Arbeit. Doch tauchen die
Bilder nicht unvermittelt auf. Vielmehr spürt Martina Kissenbeck beim Malen
etwas nach, das sie wesentlich beschäftigt. Man könnte dieses Etwas
bezeichnen mit der Frage nach dem Dasein und dessen natürlich – kosmischen
Zusammenhängen überhaupt; einer Frage, der sich der Mensch zu keiner Zeit,
heute wohl ebenso wenig wie vor Beginn jeglicher Geschichtsschreibung,
entziehen kann und konnte.

Ganz gleich wo auf der Welt, formten prähistorische Kulturen mannigfaltige
Zeichen, Mythen und Rituale aus, die dazu dienten, sich der steten
Wiederbelebung der Natur, der Wiederkehr der Jahreszeiten, der wandernden
Herden der Tiere, der Fruchtbarkeit und somit der Grundlagen des Daseins zu
versichern. Absterben und Tod waren sinnvoll eingebunden in naturreligiöse
Vorstellungswelten, in deren Zentrum die stete Lebenserneuerung und die Spende
neuen Lebens standen. Zumeist war in diesen frühen Mythen weiblichen
Wesen die Herrschaft über die Tiere und erneuernden Lebenskräfte gegeben.
Sie, die Hüterinnen des Lebens, galt es zu beschwören, zu bitten, trickreich
dazu zu überlisten, das Leben freizugeben und somit das kosmische Gleich-
gewicht zu sichern. Solche hier nur grob skizzierten Wesenszüge matriarchaler
Kulturen der Vorzeit interessieren Martina Kissenbeck zum Beispiel, wenn sie mit
tastendem Pinsel- oder Ölkreidestrich menschliche Wesen aus den lichten
Malgründen auftauchen lässt. Auch wenn sie nur mit Linien die Silhouetten der
Körper umreißt, entfalten die Figuren eine starke körperliche Präsenz. Organisch
gerundet, muten sie oft auf den ersten Blick weiblich an. Doch im Grunde sind
sie androgyn, denn der Mensch gleich welchen Geschlechts, ist gemeint.
Spürbar ist vor allem ein besonderes, sinnliches „DA“-Sein aller Figuren, zu dem
die Häufig rot oder rotbraun erdigen Farben beitragen, die in den Umrisslinien
sparsam verwendet sind. Die Farben des „Hintergrundes“, die unterschiedlich
dicht, halb durchsichtig hier, pastos und sehr materiell dort und anderswo
wiederum kreidig-pudrig auf dem groben Geflecht der Leinwand sitzen, bringen
anschaulich die enge Beziehung der Figuren zu ihrem Umraum – ihrem
Lebensraum – und umgekehrt hervor. Wie pulsierend oder in lichten Wolken
dehnen sich diese Farben über die ganze Fläche und formen zugleich die
Körper.

So gewinnt die Malerei alles Bedeutsame, die Menschenfiguren und
Tiere, und in einem Gemälde auch eine Art schützenden Steinring aus dem
farbigen Grund. Die Umrisslinien heben nur einzelnes daraus hervor, bezeichnen,
„benennen“, schöpfen im eigentlichen Sinn die Figuren. Wenn diese Bilder
bisweilen fern an frühzeitliche Höhlenzeichnungen erinnern, so liegt dies auch
daran, daß deren Herkunft und Sinn Martina Kissenbeck faszinieren und inspi-
rieren. Ebenso aber trägt gerade ihre Arbeitsweise zum Eindruck der Ähnlichkeit
bei: Das ganze Bild mit allen seinen Figuren wird geradezu aus dem Grund der
Materie, der Farbe heraus geboren. So wie vom Stamm der Aivlik_Eskimo
berichtet wird, daß der Schnitzer das Elfenbein vor dem Schnitzen beklopft,
befühlt, befragt: „Was verbirgt sich da?“, um dann das zu benennen, was er
spürt und es sorgsam der vorhandenen Großform entsprechend aus dem
Material herauszuschneiden. Vergleichbares findet sich auch in der
Interpretation der Entstehung und Funktion der Höhlenzeichnungen. Einige
Forscher nehmen an, daß es sich beim Malen der verschiedensten
Tierumrisse – wobei auch von der Höhlenwand „vorgegebene“ Formen
integriert wurden – um magisch-rituelle Herauslösungen, also um symbolische
Schöpfungs- bzw. Geburtsvorgänge gehandelt habe.

Selbstverständlich ist Martina Kissenbeck keine malende Frühzeitkundlerin, sie
illustriert solche Zusammenhänge nicht und ihr Malen ist auch kein Ritual der
Beschwörung. Es ist vielmehr ein intuitives Vortasten an archaische Schichten des
menschlichen Unterbewußtseins, an Urvorstellungen, die auch unser heutiges
individuelles und soziales Dasein immer noch stärker bestimmen, als wir uns
eingestehen mögen.

In den frühen 80er Jahren hat Martina Kissenbeck Bilder in fast eruptiver
Farbigkeit gemalt. Sie zeigen Menschen in allgemeingültigen oder
archetypischen Situationen, die auf Begegnung, Annäherung und Entscheidung,
aber auch auf Fremdheit und Distanz ihrer Protagonisten deuten. Darunter
auch ganz jetztzeitige Bilder, die in ihrer Intensität die Energie wie auch die
Hemmungen und Aggressionen des Lebens in einer Art Momentaufnahme des
Zeitgenössischen zu zeigen scheinen. Ihre heutigen Bilder kann man verstehen
als einen Schürfversuch noch unter dieser Oberfläche des Augenblicks und des
Jetzt. Dem malenden „Forschen“ nach den Beweggründen des Lebens ist sie
Dabei treu geblieben.