Klaus Schrenk

Begleittext zum Katalog Martina Kissenbeck/Martin Schilken, Städtische Galerie im Museum Folkwang Essen 15.2.85 – 17.3.85

Spontan und einladend eröffnet die große Farbintensität von Martina Kissenbecks malerischen Arbeiten dem Betrachter einen optischen Weg, auf dem er sich in den Bildkompositionen zwischen den Farbräumen und den dargestellten Figuren bewegen kann. Leuchtend werden die menschlichen Körper von der Farbe räumlich umschlossen, denn der Bildraum bewegt sich auf sie zu und verweist auf den zentralen Ort ihrer Erscheinung. Während dieser Bildraum mit kurzen, aber breiten Pinselstrichen malerisch bewegt gewonnen wird, leben die Figuren von ihrem linearen Umriss, der der Künstlerin die Möglichkeit bietet, den so gewonnenen menschlichen Körper kraftvoll in die Komposition einzusetzen.

Dominant erheben sich so die Figuren in den Farbraum, wobei Martina Kissenbeck der Dynamik des Umfeldes eine fast strenge Statik der Figuren gegenüberstellt. Besonders in ihren Mehrfigurenbildern erscheinen die menschlichen Körper, selbst, wenn sich räumlich nahe sind, eigentümlich isoliert. Nicht das Verbindende tritt in den Vordergrund, sondern das noch Getrenntsein bestimmt den bildnerischen Ausdruck. Anspruchsvoll verfolgt die Künstlerin die Möglichkeit, die Persönlichkeit der Dargestellten nicht über eine linear gewonnene Physiognomie zu gewinnen, sondern diese aus dem Einsatz der Farbe heraus zu entwickeln, und sie kann damit gleichzeitig für formal voneinander getrennte menschliche Körper visuelle Berührungspunkte schaffen.

Aber die Menschen behalten in den Bildern von Martina Kissenbeck gerade auch durch den verfremdenden Einsatz der Farbe etwas Geheimnisvolles und selbst, wenn sie sich dem Betrachter gegenüber zeigen, bleibt ihr Charakter noch umhüllt. Tag-Träume als verschleierter Einblick in die noch unzugänglichen Schichten einer durch die Wirklichkeit der Gegenwart verstellten Zukunft? Deuten so die strukturelle Verbindung der Figuren und der Einsatz archetypischer Metaphern, wie z.B. Tisch oder Boot, auf eine Bewältigung hin, in der die Widerstände in eine produktive Auseinandersetzung getrieben, in der die ersten Schritte zu sich selbst erzwungen werden, ohne dass sich die Schwere der Anstrengung in Melancholie, sondern in eine kraftvolle sinnliche Erfahrung verwandelt. Der Dialog zwischen Künstler und Bild wird zu einem Dialog zwischen Betrachter und Bild, in dessen Verlauf keine Übereinstimmung angestrebt, sondern die Möglichkeit einer Annäherung und das Erkennen von Wahlverwandtschaften angeboten wird. In diesem Sinne lässt Martina Kissenbeck in ihren Bildern subjektive Handlungen und subjektive Wahrnehmung in der Hoffnung ständigen Fortschreitens einander berühren.